Ich wie Österreich



Muhamed Beganovic, 24

Ein Kurzgeschichte über die Sichtweise eines 90-jährigen Austro-Moslems


Original eingereichter Text:

Ich wie Österreich

Die Sonne scheint heller als sonst. Ein kühlender, mäßiger Ost‐Wind weht und sorgt für Freude und Erleichterung beim sonnenbratenden Volk. Auch Thomas bleibt nicht von der Hitze geschont. Trotz weißen T‐Shirts sind deutliche Schweißflecken am Rücken, Brust, Achselhöhlen und Teile des Bauchs zu sehen. Seine Stirn hat die Invasion der Schweißperlen nicht standhalten können. “Gut, dass ich heute extra viel Deo aufgetragen habe” denkt sich der junge Pflegehelfer, der das öffentliche Verkehr nutzt um Sabris Wohnung zu erreichen. Der 90‐jährige Syrer wohnt alleine und ist auf Pflegehilfe angewiesen. Er sitzt auf seinem Balkon und wartet bereits auf seinen jungen Pfleger. Die Straßenbahn fährt langsamer als sonst. Es ist so als würde mit jedem Grad Celsius die Geschwindigkeit um einen Kilometer pro Stunde abnehmen. Die Baustellen‐Saison hat angefangen. Davon zeugen auch die große Staub‐ und Lärmbelastung. Eine gefühlte Ewigkeit später erreicht Thomas die Wohnung. Mit den Extra‐Schlüsseln, die ihm Sabir gegeben hat, sperrt er die Haustür auf, checkt die Post und öffnet die Wohnungstür. Sabir bemerkt zunächst nichts. Altersbedingt hört er schlecht, was eben in der Baustellen‐Saison ganz vorteilhaft ist. Thomas muss laut reden damit ihn Sabir auch hört.

Thomas: Morgen!
Sabir: (dreht sich überrascht und doch erfreut um) Aah, da bist du ja. Wie gehts
dir mein Junge?
Thomas: Och, bestens, danke!
Sabir: Wie geht es deiner Gesundheit?
Thomas: Das fragst du mich jeden Tag.
Sabir: Erst wenn du alt wirst, wirst du inshaAllah verstehen wie wichtig
Gesundheit ist.
Thomas: Was magst du heute frühstücken?
Sabir: Was ich will ist Fleisch, aber ich kann es nicht essen. Mach mir einfach
Rühreier.

Thomas geht in die Küche um die Speise zuzubereiten. Er dreht die Heizplatte auf, während er darüber nachdenkt die Pfanne einfach kurz in der Sonne zu stellen und der unerträglichen Hitze ihre Arbeit tun lassen. Er schmunzelt. Während die Butter schmilzt, schlägt er kurz die Zeitung auf. Erst irgendwo in dem hinteren Teil der Zeitung, in der Ecke wo sonst über Mitzis Hochzeit mit Morris berichtet wird, entdeckt er einen kurzen Artikel über den bevorstehenden 100. Jahrestag des Islamgesetzes in Österreich. Der Beitrag bleibt ungelesen. Thomas kümmert sich um das Frühstück. Sabirs Sohn Karim ist Ingenieur und arbeitet für die heimische Ol‐Firma. Ständig ist er in Einsatz in den verschiedensten Ecken der Welt, selten ist er in den eigen vier Wänden. Darum hat Karim einen Pfleger gesucht, dem er auch bisschen mehr unter dem Tisch zahlt um sich besser um seinen zerbrechlichen Vater kümmern zu können.

Sabir: Karim kommt nächste Woche inshaAllah!
Thomas: Wie bitte?
Sabir: Karim, mein Sohn, er kommt nächste Woche nach Hause.
Thomas: Ich habe dich gehört…. (macht kurz Pause)
Thomas betritt die Terrasse mit einem Teller Rühreier und Brot in der rechten und einem Glas Milch in der linken Hand.
Thomas: (fährt fort) Ich habe nur das letzte Wort nicht verstanden.
Sabir: InshaAllah heißt wenn Allah das so will
Thomas: Verstehe. Ich habe dich nie gefragt wie religiös du bist.
Sabir: Kann man denn Religiosität oder Glaube messen? Und wie? Prozente? Kilo? Punktesystem?
Thomas: Ich mein was anderes. Du hast ja einen Koran im Bücherregal stehen, neben den anderen, vielen, arabischen Büchern. Aber..
Sabir: Du willst wissen ob ich meine Glaube praktiziere. Sprich ob ich bete oder
nicht?
Thomas: Ich hab dich nie beten sehen.
Sabir: So zu beten, wie du es aus den Filmen kennst, also stehen und so weiter, was mein ehemaliger Chef Islam‐Yoga nannte, kann ich nicht mehr machen. Da streiken meine Knochen gleich. Ich bete sitzend, manchmal liegend.
Thomas: Das geht?
Sabir: Klar! Allah will es uns Senioren ja nicht schwer machen.
Thomas: Kommender Sonntag ist ja ein wichtiger Tag für Moslems, gell? 100 Jahre Islam in Österreich. Was sagst du dazu?
Sabir: Islamgesetz!
Thomas: Häh?
Sabir: 100 Jahre Islamgesetz. Den Islam als Religion gibt es schon viel länger.
Thomas: Ach so.
Sabir: Schau mein Junge, man kann Österreich nicht schreiben ohne das Wort ICH am Schluss. ICH bin Österreich! Alleine der Name des Landes sagt schon, dass die Individualität wichtig ist. Jeder von uns ist Teil von Österreich und IST Österreich. Auch die Muslime. Der Staat lässt uns zwar keine Moscheen mit Minaretten bauen, aber Gebetsräume haben wir genug, über Zweihundert sollen
es sein.
Thomas: Hättest du gerne mehr Moscheen mit Minaretten?
Sabir: Hättest du gerne weitere U‐Bahn Verbindungen?
Thomas: Ja und nein.
Sabir: Das Gleiche gilt für mich. Ob wir nun mehr Minaretten haben dürfen oder ob wir sie brauchen ist eine Diskussion, die nicht unbedingt notwendig ist. Wir Moslems als Kollektiv wollen schon mehr Minaretten sehen, aber unbedingt notwendig ist es nicht. Hauptsache wir können irgendwo unsere Gebete verrichten und andere religiöse Pflichten nachgehen können. Da ist Österreich
spitze! Der Staat gönnt mir meine Religionsfreiheit. Und die Menschen sind auch tolerant.

Auf der Straße hört man eine raue, männliche Stimme, mit starkem Wiener Dialekt, die eine vorbeigehende türkische Frau aufs derbste beschimpft. Die Kopfbedeckung der Frau hat den gereizten Herrn optisch beleidigt. „Integrieren soll sie sich gefälligst“, schreit ihr der Mann zu. Ob sie ihn überhaupt verstehe, wundert er sich. Thomas belauscht und beobachtet die Szene, Sabir hingegen bekommt nichts mit. “Mia san do in Österreich”, sagt er mit drei Esslöffeln Patriotismus und einem Schuss Diskriminierung – womöglich umgekehrt! “Heast, i bin Österreich”, kontert die Dame mit einem ebenbürtigen Wiener
Dialekt.

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